von Arena » Do 5. Nov 2009, 13:30
Prolog
Mit TrĂ€nen in den Augen lief ich auf ihn zu und fiel in seine Arme. Beruhigend strich er mir ĂŒber den RĂŒcken. âIst doch alles gut.â, hauchte er mir ins Ohr. Alles gut?! , dachte ich. Ja, so sieht es wirklich aus. Wenn man davon absieht, dass gerade meine Schwester umgebracht wurde, ich völlig am Boden zerstört war und meine Mom mich hasste. Das klingt wirklich so, als ob alles gut wĂ€re. Doch stattdessen sagte ich nur: âNichts ist gut.â Und stieĂ ihn grob von mir weg.
Ich trat aufs Gas und dĂŒste ĂŒber die LandstraĂe. Summend klopfte ich den Takt des Liedes auf dem Lenkrad mit und sah wie die Anzeige des Tachos langsam aber sicher auf die 200 km/h zuging. Plötzlich klingelte mein Handy. Irgendwo in der Tasche auf dem Beifahrersitz. âVerflixtes Teil!â, fluchte ich leise und wĂŒhlte in der Tasche. Mit der einen Hand hielt ich nun das Lenkrad und mit der anderen wĂŒhlte ich immer noch leise fluchend in der Tasche.
Plötzlich hörte ich ein lautes Krachen und wurde auch schon gegen das Lenkrad geschleudert. Entsetzt riss ich die Augen auf und merkte wie sich das Auto ein paar Mal ĂŒberschlug, dabei schlug ich mit dem Kopf wieder auf das Lenkrad. Ein heftiger Schmerz durchzuckte mich. Den AnhĂ€nger meiner Kette hatte sich gelöst und ich hielt ihn jetzt fest in meiner Hand. Denken konnte ich im Moment gar nicht, ich merkte nur wie mir auf einmal eine warme FlĂŒssigkeit ĂŒber die Lippen lief und kurz darauf hatte ich auch schon das Bewusstsein verloren. Es wurde einfach schwarz, es tat gut. Die schwĂ€rze ĂŒberdeckte den Schmerz und löschte mein GedĂ€chtnis.
Auf einmal wurde ich hoch gehoben. Jemand strich mir besorgt ĂŒber die Wange und flĂŒsterte leise: âWird sie sich wieder erholen?â Ich versuchte irgendwas zu sagen, brachte aber keinen Ton ĂŒber meine Lippen. Dann wurde es auch schon wieder komplett schwarz.
âIch glaube sie kommt zu sich.â, hörte ich eine vertraute, aber zu gleich völlig fremde Stimme neben mir. Vorsichtig setzte ich mich auf und sah mich um. Ich war in einem groĂen Raum, mit heller Tapete und einem groĂen, weiĂ bezogenen Bett. Dieses Zimmer hatte ich noch nie gesehen und ein Krankenhauszimmer konnte unmöglich so leer sein. Dann sah ich ein wunderschönes MĂ€dchen an dem Bett sitzen. Sie sah mich so liebevoll an, wie ich es eigentlich nur von meiner Mutter kannte. Ihre grĂŒnen Augen funkelten und ihr langes, goldenes lockiges Haar umspielte ihre rosigen Wangen sanft. âWie geht es dir?â, fragte sie mich dann. âIch⊠mir geht es ⊠gut.â, stotterte ich. âWo bin ich? Und wer bist du?â âOh, ich bin Scarlett. Und du bist zu Hause.â, meinte sie und strich mir die verschwitzen Haare aus dem Gesicht. âIch glaube du solltest dich jetzt erstmal frisch machen. Im Bad liegen ein paar von meinen Sachen.â Dann verschwand sie. Ich blieb einen Moment vollkommen regungslos auf dem Bett. Was hatte sie mit âzu Hauseâ gemeint? Warum war ich hier? Wer war diese Scarlett? Was war mit Mom? Dann schĂŒttelte ich meinen Kopf und hoffte so wĂŒrden diese ganzen fragen aus meinem Kopf verschwinden. Dann stand ich auf und ging in das kleine Badezimmer. Die Sachen die Scarlett mir rausgelegt hatte, waren alle ein wenig zu groĂ, aber das war im Moment mein kleinstes Problem. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ich war zwar nicht besonders groĂ, aber auch nicht zu klein. Meine frisch gewaschenen, hellbraunen Haare vielen mir in leichten Wellen ĂŒber die Schulter und meine dunkelbraunen Augen glĂ€nzten Matt. Um meinen Hals hing wieder der kleine, silberne Halbring, den ich schon von Geburt an hatte. Dann nahm ich meine Klamotten und verlieĂ das Bad.
Als ich zurĂŒck in dem groĂen Zimmer war, saĂ ein Junge auf dem Bett. âHi.â, begrĂŒĂte er mich und musterte mich kurz. âHi?â, fragend sah ich ihn an. âWer bist du? Und was willst du hier?â âIch bin Jared. Komm, ich bring dich zu Chayenne.â, sagte er und stand auf. Dann ging er los. Ich folgte ihm so gut ich konnte und schwieg. Was sollte ich diesem wildfremden Jungen auch groĂ sagen?! Plötzlich blieb er stehen und öffnete die TĂŒr zu einer riesigen Bibliothek. âWow.â, staunend sah ich mich um. Hinter einem riesigen Schreibtisch auf einem ledernen Stuhl saĂ eine groĂe, schwarzhaarige Frau und lĂ€chelte. âJared, du kannst gehen.â, meinte sie und dann deutete sie mir, mich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch zu setzten. âHallo Summer.â, meinte sie und lĂ€chelte herzlich. âIch bin Chayenne. Die Mutter von Scarlett. Jared arbeitet fĂŒr mich.â Ich nickte. âAber warum bin ich hier?â, platzte ich dann mit meiner Frage heraus. âScarlett hat dich hierher gebracht und weil es unsere Pflicht ist Unseresgleichen Schutz zu bieten, haben wir dich aufgenommen.â âUnseresgleichen?!â, fragte ich und sah sie verwirrt an. âJa, anderen Engeln.â âEngeln?!â, fragte ich. âEs gibt keine Engel. Genau so wie es keine Vampire, Werwölfe und Ă€hnliches gibt. Diese Figuren gehören in MĂ€rchen.â Mit einem erschrockenen und zugleich verwirrten Gesicht sah mich Chayenne an.
âSummer?! Geht es dir gut?â, fragte sie mich plötzlich. Doch ich hörte sie schon kaum noch. Hinter meinen Lidern spielte sich plötzlich einen Unglaubliche Szene ab. Eine wildfremde Frau rannte mit mir als kleines Kind auf dem Arm, ĂŒber eine dunkle StraĂe. Plötzlich sprang ein groĂer, grauer Wolf aus seinem Versteck. Knurrend und mit gefletschten ZĂ€hnen ging er auf uns zu. Dann wurde alles wieder schwarz, ich versuchte wieder aus der Dunkelheit auf zu tauchen, aber irgendwas hielt mich zurĂŒck. Rote, glĂŒhende Augen tauchten plötzlich in der Dunkelheit auf und funkelten mich an, und ich meinte zu spĂŒren wie er mich hĂ€misch angrinste, so als wolle er sagen: âIch werde dich kriegen!â
Plötzlich riss ich meine Augen auf und schrie panisch auf. âNeinâŠ!â Chayenne stand auf einmal vor mir und drĂŒckte mir vorsichtig eine Hand auf den Mund. âSchschâŠEs ist alles gut.â, flĂŒsterte sie beruhigend. Langsam beruhigte ich mich wieder und atmete tief durch. Chayenne nahm ihre Hand von meinem Mund. âWas hat das zu bedeuten?â, fragte sie mich dann. âWas hat was zu bedeuten?â, ertönte plötzlich Jareds Stimme von der TĂŒr. âSummer, sie wurde plötzlich ganz panisch, als hĂ€tte sie irgendwas Schreckliches gesehen.â, meinte seine Mutter. Er sah mich an. âUnd, was hast du gesehen?â, fragte nun auch er. Wieder atmete ich tief durch. âNichts, ist nicht so wichtig.â, murmelte ich schnell und sprang auf. âKann ich jetzt gehen? Ich möchte Scarlett sprechen.â Erstaunt sahen Chayenne und Jared mich an. Dann hatte Jared sich wieder gefasst. âJa, klar. Warte ich bring dich zu ihr.â, meinte er und ging voran. âWo ist sie denn?â, fragte ich, als wir ĂŒber den leeren Flur gingen. âSie mĂŒsste eigentlich in der Waffenkammer sein.â âWaffenkammer?â, fragte ich und hoffte instĂ€ndig ich hĂ€tte mich verhört. âJa, in der Waffenkammer. Warum wundert dich das so? Ach ja, hast du dein Amulett dabei?â, fragte Jared mich dann. âAch, weil ich hier einiges sehr komisch finde. Erstmal die Behauptung, dass es Engel, Werwölfe und Vampire gibt, und dann gibt es plötzlich auch noch Waffenkammern fĂŒr einfache Leute.â, meinte ich mit einem Seufzen. âWelches Amulett?â, fragte ich dann und legte den Kopf leicht schief. âSo eins.â, meinte er und hielt ihr eine silberne Kette mit einem mittelgroĂen, prunkvollen AnhĂ€nger entgegen. âNein. Warum sollte ich?â, langsam kamen mir diese Leute hier, echt völlig Krank vor. âWeil jeder Engel eines Besitz.â
âWir sind da.â, meinte Jared plötzlich und blieb stehen. Ich stoppte und sah mich nach ihm um, um ihm zu danken, aber er war weg. KopfschĂŒttelnd öffnete ich die TĂŒr und trat in die Waffenkammer. Sie sah genauso aus, wie ich mir eine Waffenkammer vorstellte. An den WĂ€nden hingen oder lagen auf Regalen Waffen und in die Mitte des Raumes war leer. Scarlett konnte ich nirgendwo entdecken. âScarlett?!â, fragte ich in die Stille hinein. Plötzlich schwebte ein Schatten von oben hinab. Ich sah hoch und sah, dass der Raum noch viel höher ging. Und oben, fast am höchsten Punkt schwebte Scarlett. Langsam lieĂ sie sich hinab gleiten. Mit offenem Mund sah ich sie an. Als ich ihre Blicke spĂŒrte schloss ich ihn schnell wieder. Da entdeckte ich sie. Zwei wunderschöne, schwarze, samtene FlĂŒgel, aus Federn saĂen an ihrem RĂŒcken. âJa? Was ist los?â, fragte sie mich mit ihrer sanften, wunderschönen Stimme. Da hatte ich mich auch wieder gefasst. âWarum hast du mich hier her gebracht?â, fragte ich sie. âDu warst schwer verletzt. HĂ€tte ich dich nicht bewusstlos, in deinem Auto, in einem Graben gefunden, wĂ€rst du jetzt ⊠tot.â Das letzte Wort sprach sie still und andĂ€chtig aus. Langsam erinnerte ich mich wieder. An dem Abend, als ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause war, war ich plötzlich einen HĂŒgel hinab gestĂŒrzt. Aber was danach war, wusste ich nicht mehr. âAber warum hast du mir geholfen? Du hĂ€ttest mich da auch einfach sterben lassen können.â, fragte ich und sah Scarlett an. âIrgendwas hat mir letzten Abend gesagt, du wĂ€rstâŠâ, fing sie an unterbrach sich dann aber. âIch wĂ€re was?â, hakte ich nach. âNein, vergiss es.â Ich schĂŒttelte leicht den Kopf. âGut, aber jetzt wĂŒrde ich gerne wieder gehen.â, sagte ich dann bestimmt und drehte mich um. âNein, warte. Du kannst nicht einfach gehen. Ich werde dich nach Hause bringen.â, meinte Scarlett, fast schon flehend. âIch werde den Weg auch alleine finden, auĂerdem kann ich sehr gut auf mich allein aufpassen.â Ich trat aus der TĂŒr und auf den Flur, dabei merkte ich nicht, wie mir ein dunkler Schatten folgte. Kurz ging ich noch in das groĂe Zimmer und nahm meinen AutoschlĂŒssel und meinen dreckigen Klamotten.
Endlich trat ich durch die groĂe EingangstĂŒr und atmete tief ein. Dann sah ich mich um. Eigentlich erwartete ich nicht, dass meine Auto schon wieder repariert war, aber es stand an dem groĂen Eisentor und schien schon auf mich zu warten. Ich setzte mich hinein und schloss kurz die Augen. Dann startete ich den Motor und fuhr los. Merkte wieder nicht wie mir ein groĂer Schatten folgte. Ich fuhr die StraĂen entlang, bis ich endlich an die Auffahrt zu unserem Haus kam.
Dann stieg ich aus und schloss die HaustĂŒr auf. Eigentlich mĂŒsste meine Mom jetzt zu Hause sein. âMom?!â, rief ich in die Stille hinein. Ich bekam keine Antwort. Langsam ging ich die Treppen hinauf. Plötzlich hörte ich ein leises Knurren. Ich schaute auf und erstarrte. Oben auf der Treppe saĂ ein riesiger Wolf. In seinem braunen Fell klebte Blut und seine ZĂ€hne blitzten gefĂ€hrlich. Ich sah ihn einfach an, zu erschrocken um wegzurennen. Da stieĂ er sich ab und sprang auf mich zu. Seine rieseigen Pranken knallten gegen mich und ich flog mit dem RĂŒcken zuerst auf den Boden auf. Ich stieĂ einen lauten Schrei aus und sah mich panisch um. Ein paar Zentimeter von mir entfernt lag einer der vielen Regenschirme, die bei uns meist, achtlos in die Ecke geschmissen wurden. Ich griff danach, wĂŒtend knurrend stand der Wolf immer noch ĂŒber mir, dann hatte ich den Schirm fest in der Hand und rammte dem Wolf die Spitze in den Oberkörper, doch dieser verzerrte nur kurz das Gesicht. Verzweifelt schlug ich die Arme vor das Gesicht, als sein Maul sich nĂ€herte und er mir seine ZĂ€hne in die Schulter bohrte. Ein stechender, heiĂer Schmerz durchfuhr mich, doch es wurde nicht wie erwartet schwarz um mich herum und auch der Schmerz verschwand nicht. Plötzlich sprang etwas GroĂes elegant aus dem Schatten der TĂŒr und versetzte dem Wolf mit dem FuĂ einen so heftigen Tritt, dass dieser gegen die gegenĂŒberliegende Wand geschleudert wurde. Er jaulte auf und stĂŒrzte sich wieder auf mich. Ich schrie erneut auf, da wurde ich an die Seite gezogen. âKomm.â, flĂŒsterte dieser jemand, als ich aufsah, erkannte ich dass es Scarlett war. Sie sah mich nicht an sondern zog mich Richtung Auto, doch anstatt ins Auto zu steigen, blieb sie stehen und hob mich hoch. Nun lag ich in ihren Armen, so als wĂ€re ich nur eine Puppe. Doch bevor ich noch lange ĂŒberlegen konnte, schwang sie sich mit ihren FlĂŒgeln in die Luft. Wir flogen immer höher und höher. âWohin⊠wohin fliegen wir?â, brachte ich unter starken Schmerzen hervor. âZurĂŒck⊠ZurĂŒck nach Hause.â, meinte sie nur. Kurze Zeit spĂ€ter landeten wir auf dem Dach, des riesigen GebĂ€udes und stiegen durch einen Dachluke hinab. Ich hatte die Augen geschlossen und spĂŒrte nur wie sich mich vorsichtig auf ein groĂes weiches Bett legte. Die Schmerzen wurden immer stĂ€rker und ich verlor allmĂ€hlich an Beherrschung. Ich biss die ZĂ€hne aufeinander um nicht zu schreien und fasste mit der einen Hand an meine Schulter. Ich ertastete etwas Nasses, Warmes. Frisches Blut lief hinab und trĂ€nkte das Bettlaken. Ich hatte meine Augen bereits wieder geöffnet. Scarlett sah mich besorgt an. âKeine Sorge. Chayenne wird gleich etwas dagegen unternehmen.â Und da betrat diese auch schon das Zimmer. âScarlett? Was ist denn passiert?â, fragte sie ihre Tochter und dann sah sie mich. âOh mein Gott. Summer.â Aus ihrer kleinen Tasche, die sie immer bei sich trug, holte Chayenne eine kleine Flasche, diese setzte sich an meine Lippen. âSo,âŠâ, murmelte sie. Langsam verschwamm alles um mich herum und auch den Schmerz nahm ich kaum noch wahr. Dann verschluckte mich eine Welle der Dunkelheit.
MĂŒde öffnete ich meine Augen. Blinzelnd sah ich mich um. âScarlett?â, fragte ich. Sie legte ihre Hand auf meine und lĂ€chelte leicht. âIch bin hier.â, flĂŒsterte sie. âUnd ich werde auch noch da bleiben. Aber du musst liegen bleiben.â âWas ist passiert? Wo ist Mom?â, meine Stimme zitterte. âDu bist in eurem Haus von einem Werwolf angefallen worden. Ich habe ihn getötet, aber ich bezweifele, dass das der einzigste war. Da mĂŒssen noch mehr sein. Lucindia? Sie, sie⊠sie ist.â, Scarlett schluckte. Erschrocken sah ich sie an. âWas ist mit Mom?â, schrie ich. âSchsch⊠du musst dich schonen.â, Scarlett seufzte leise, dann holte sie tief Luft. âLucindia, sie⊠hat sich⊠umgebracht.â Erschrocken blinzelte ich sie an. âNein⊠nein, so was wĂŒrde Mom nicht machen⊠NeinâŠâ Schluchzend sank ich in mich zusammen. Scarlett nahm mich tröstend in den Arm. Ich spĂŒrte, dass sie irgendwas bedrĂŒckte. Als ob sie mir irgendwas verschwieg, und es mir sagen wollte. Also sah ich mit geröteten Augen auf und sah sie an. âScarlett. Ist irgendwas, was ich noch wissen muss?â, fragte ich leise. Sie sah mich an und nickte leicht. âIchâŠâ, sie holte tief Luft. âIch muss dir was zeigen, warte kurz.â Sie stand auf und wĂŒhlte in ihrer Tasche. Dann zog sie einen kleinen silbernen Halbring hervor. Er sah genauso aus wie mein eigener. Ich fasste mir an den Hals und ertastete meinen eigenen AnhĂ€nger. âAber⊠woher hast du ihn?â, fragte ich und sah Scarlett ĂŒberrascht an. âLucindia hat damals zwei solcher Ringe angefertigt. Sie sind einmalig und sieh dir mal die Gravur im Inneren an.â âSummerâ stand auf der Innenseite ihres Ringes. Ich erstarrt und nahm meinen AnhĂ€nger. Und fast wie erwartet stellte ich fest, dass in meinem âScarlettâ stand. âWas hat das zu bedeuten?â, verwirrt sah ich Scarlett in die Augen. Sie hatten die gleiche Form wie meine. âSummer. Du⊠du bist meine Schwester. Ich dachte immer, ich hĂ€tte dich verloren⊠aber du lebst.â, an Scarletts Wange lief eine TrĂ€ne entlang. Dann drĂŒckte sie meine Hand ganz leicht. âAber warum?â âDamals wurde unser Haus von einem feindlichen Rudel Werwölfe angegriffen. Dad kam dabei ums Leben und du⊠du wurdest gebissen und schwebtest in Lebensgefahr, aber Mom wollte dich nicht an Sebastian ausliefern. Er hat damals ĂŒber die Engelschaft regiert. Er war zwar groĂzĂŒgig und gerecht, aber wenn ein Engel Gift eines Werwolfes oder Vampirs in den Adern hatte war er nicht weiter ein Engel. Allerdings wurden wir verraten, Mom wurde aus dem Himmelsreich verbannt und nahm mich mit. Dich aber musste sie da lassen. Irgendwann kam plötzlich eine Nachricht von dem neuen Herrscher. Wir können dich jetzt wieder abholen, sie hatten dich, als du ein Kleinkind warst 5 Jahre dort gefangen gehalten. Mittlerweile warst du schon 8 Jahre alt und total verĂ€ngstig. Mom holte dich, aber lange hielt sie es nicht aus. Du zogst auf seltsame Weise immer wieder das Rudel an, das damals unsere Familie angegriffen hatte. Also beschloss sie, dich an ihre beste Freundin zu geben. Lucindia. Diese hatte keinen Mann und wĂŒnschte sich ein Kind. Sie wusste nichts von Engeln und glaubte auch nicht daran. Also nahm sie dich auf und erzog dich zu einem normalen MĂ€dchen. Allerdings dachten Mom und ich, du wĂŒrdest das nicht lange ĂŒberleben, schlieĂlich brauchen normal Engelskinder eine Ausbildung und ihre FlĂŒgel mĂŒssen sich entfalten, andernfalls wĂŒrden sie schon bald sterben. Aber du lebst. Summer. Ich habe dich so vermisst.â Ich hatte gelauscht. Dann konnte ich mich nicht mehr zurĂŒckhalten. âAlso ist Lucindia gar nicht meine richtige Mom?! Sie war nur eine Pflegemutter und ich bin ein Engel?â Scarlett nickte. âDeine leibliche Mutter ist Chayenne. Summer, steh mal bitte auf.â Ich gehorchte und ignorierte den Schmerz in meiner Schulter. âSo und jetzt konzentriere dich auf deine FlĂŒgel.â Fragend sah ich sie an. SchlieĂlich hatte ich noch nie meine FlĂŒgel benutzt. Trotzdem dachte ich konzentriert an die schillernden FlĂŒgel, die Scarlett besaĂ. Plötzlich breitete sich ein stechender Schmerz auf meinem gesamten RĂŒcken aus. Leise stöhnte ich auf. âWow.â, hauchte Scarlett. âSummer, sieh mal in den Spiegel.â Erstaunt sah ich sie an. Dann ging ich in die Ecke des Zimmers zu dem Spiegel. âOh.â, brachte ich nur hervor. Aus meinem RĂŒcken ragten riesige, leuchtend goldene Schwingen. Ich dachte daran, wie es wohl wĂ€re damit zu fliegen und plötzlich fingen sie an sich nach vorne und nach hinten zu bewegen. Langsam stieg ich in die Luft. Ich schrie kurz auf und knallte auch schon an die Decke. âSummer⊠denk dir einfach wieder die FlĂŒgel weg.â, rief sie panisch. Ich nickte nur und plötzlich fiel ich auch schon wieder wie ein Stein zu Boden. âWowâŠdas war cool.â, staunte ich und setzte mich auf das Bett. Auch der Schmerz in meiner Schulter war verschwunden. Scarlett lĂ€chelte zufrieden. âNa, wie war dein erster Flug?â, fragte sie mich. âSuper.â, meinte ich mit leuchtenden Augen, dann kam ich aber wieder zurĂŒck. âAber warum hat sich Mom⊠Àh Lucindia denn umgebracht?â âSie hat gespĂŒrt, dass irgendwas anders war als sonst, du hast langsam angefangen selbstĂ€ndig zu werden und auch hast du öfters mal Eigenschaften eines Engels gezeigt. Zum Beispiel hast du manchmal âgeleuchtetâ, das heiĂt, du hast andere ziemlich leicht um den Finger gewickelt. AuĂerdem hast du auf andere dann auch hĂŒbscher gewirkt als du wirklich bist. AuĂerdem bekam sie Briefe von unbekannten Absendern. Sie haben ihr gedroht. Wenn sie dich nicht bei ihnen ausliefern, wĂŒrde sie sterben mĂŒssen. Also hat sie sich umgebracht. Ach ja und wenn du dich jetzt fragst, woher ich das alles weiĂ. Sie hat einen Brief hinterlegt.â, Scarlett endete und nahm mich in den Arm. Ich drĂŒckte mich an sie und merkte, dass ich angefangen hatte zu weinen.
Liebste Chayenne,
Ich habe gehört, dass du unsere lieben Kinder vor kurzem wieder bekommen hast. Ich hoffe sie sind wunderschön geworden, wie du.
Aber kommen wir zur Sache. Ich möchte, dass du mir Summer und Scarlett aushÀndigst.
Sie besitzen beide etwas was ich dringend benötige, die Ringe zusammen mit ihrem Blut, wĂŒrde es mir ermöglichen, das ganze Himmelsreich und damit auch alle Engel, die sich gegen uns gewendet haben zu vernichten.
Ansonsten werde ich mich leider gezwungen fĂŒhlen, euch alle drei zu töten.
Richard
Ich las den Brief. Mittlerweile war eine Woche vergangen. Chayenne hatte mich glĂŒcklich wieder aufgenommen und ich fĂŒhlte mich eigentlich recht wohl.
âWer ist Richard?â, fragte ich nun und sah Chayenne und Scarlett an. Den beiden war sĂ€mtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. âRichard, er⊠er ist euer Vater.â, stotterte Chayenne. âAber Dad ist tot.â, murmelte Scarlett. âNein, ich wollte nur nicht erfahrt, dass er geflohen war. Und jetzt kommt er und fordert das von uns.â âAber das kann er doch nicht machen. Er kann doch nicht einfach das Himmelsreich zerstören.â, flĂŒsterte ich und sah die beiden an. âOh doch, dass kann er. Er hat die Engel schon immer gehasst. Auch wenn er selbst einer ist. Er wurde allerdings in einen verwandelt und damit brutal aus seinem Menschlichen Leben gerissen.â, sagte Chayenne. Plötzlich lĂ€utete es an der groĂen HaustĂŒr. âIch geh schonâŠâ, murmelte Scarlett. Allerdings folgten wir ihr.
In der HaustĂŒr stand ein etwas Ă€lterer Mann. Er war recht groĂ und schlank. Seine Augen waren dunkelbraun und in seine Hellbraunen Haare hatten sich graue StrĂ€hnen gemischt. âRichard?â, unglĂ€ubig sah Chayenne unseren Vater an. âJa, ich bin es. Und ich habe gehört, wie ihr euch entschieden habt. FĂŒr die Engelschaft und damit gegen mich.â, sagte er ruhig, aber ich sah in seinen Augen die Wut. âAber vielleicht ĂŒberlegt ihr euch das ja noch mal anders?â Fragend sah er uns der Reihe nach an. Ich sah wie Scarlett einen spitzen Dolch mit schwarzem Heft zĂŒckte. âDas macht dich zu einem Mörder.â, schnaubte sie wĂŒtend. âAber, aber. Ich habe einen Grund, warum ich töte. AuĂerdem haben sie es nicht anders verdient.â, sagte er und ein falsches lĂ€cheln machte sich auf seinem Gesicht breit. âWir haben nicht vor, es uns anders zu ĂŒberlegen.â, fauchte nun Chayenne und auch sie hielt einen Dolch in der Hand. Ich stand ziemlich ĂŒberfordert vor diesem Mann unfĂ€hig irgendwas zu erwidern. Dann schĂŒttelte er bedauernd den Kopf und pfiff. Hinter ihm baute sich ein groĂer, schlanker, blonder Mann auf und grinste mich gefĂ€hrlich an. âLaufâŠâ, schrie Scarlett panisch und schon sah ich wie der blonde Mann immer nĂ€her kam. Ich drehte mich um und fing an zu laufen. Als ich mich umdrehte sah ich wie Richard Sebastian den Befahl gab, mir zu folgen und mich zurĂŒck zu bringen, auĂerdem sah ich wie Scarlett sich am Boden abstieĂ, ihre FlĂŒgel aus dem RĂŒcken hervor schossen und sie mit dem Dolch auf Richard zielte. Aber dieser war schneller und trat ihr heftig in den Bauch, so dass sie zurĂŒck geschleudert wurde und gegen die Wand flog. Keuchend krĂŒmmte sie sich auf dem Boden. Auf einmal war Sebastian ganz nah, ich wendete meinen Blick ab und rannte weiter. Doch plötzlich bekam er mein Handgelenk zu fassen und zwang mich auf die Knie. Dann schlug er mir mit irgendeinem Gegenstand auf die Wange. Ich schrie auf und fasste an meine Wange. An meinen Fingern war Blut. Die Wunde brannte und ich spĂŒrte wie er wieder zuschlug, allerdings diesmal irgendwas in die Wunde tröpfelte. Dann drehte sich alles um mich herum und sackte in mich zusammen.
Ich wurde wieder wach, immer noch lag ich zusammen gekrĂŒmmt auf dem Boden und Sebastian saĂ vor mir. âNa, schon wieder wach. Das ist nicht schön, dann muss ich dagegen wohl etwas tun.â, meinte er und grinste mich gefĂ€hrlich an. Diesmal schlug er mir etwas leichter auf die Wange, ich verlor nicht sofort mein Bewusstsein und sah wie Chayenne plötzlich blutverschmiert auftauchte und den Dolch in seinen RĂŒcken bohrte. Sebastian schrie auf. Dann verlor ich mein Bewusstsein.
âSummer?!â, hörte ich eine vertraute Stimme an meinem Ohr. Ich öffnete die Augen und erblickte Scarlett. âSummer.â, erleichtert atmete sie auf. Ich lag immer noch auf dem harten Boden. Aber ich spĂŒrte keinen Schmerz mehr. Auch Chayenne und Scarlett waren nicht mehr verletzt. âWo ist Richard?â, fragte ich und setzte mich auf. âSie sind âŠfort.â, murmelte Chayenne. Dann hob sie mich leichtfertig hoch. âWir Engel heilen zwar schneller, aber schlafen mĂŒssen wir trotzdem. Also, ab ins Bett mit euch.â Ich lĂ€chelte leicht. Scarlett lĂ€chelte mir glĂŒcklich zu und gab mir einen sanften Kuss auf die Wange, dann verschwand sie. Cayenne brachte mich in das groĂe Zimmer. âSummer. Ich werde dich nicht hier behalten. Wenn du wieder fit bist, wird dich meine Cousine aufnehmen. Sie lebt oben im Himmelsreich und da du nicht verbannt worden bist hast du das recht da oben zu leben. Sie heiĂt Amatis und sie hat bereits eine Tochter. Maya. Sie ist genauso alt wie du.â Erschrocken starrte ich sie an. âAber⊠ich dachte. WeiĂ Scarlett das schon?â âNein, und sie wird es fĂŒrs erste auch nicht erfahren. Ich will nicht weiter darĂŒber reden. Du wirst uns verlassen und dabei bleibt es. Du stellst eine zu groĂe Gefahr fĂŒr uns da und ich habe dich nie gewollt. Dich nie geliebt.â
Diese Worte trafen mich hart. âAberâŠâ, flĂŒsterte ich, aber sie war schon verschwunden.
Scarlett trat aus der Ecke des Zimmers hervor. âDas kann sie nicht machen.â, hauchte sie und nahm mich beschĂŒtzend in den Arm. âIch werde das nicht zulassen.â âNein, Scarlett. Nicht.â, in mir war alles völlig leer. Der Schmerz saugte alles aus mir heraus. âEs ist das Beste. Ich werde euch verlassen. Es tut mir leid. Aber Mom hat recht.â Ich schluckte. âDu kannst mich ja ab und an mal besuchen. Aber ich werde hier fort gehen.â Scarlett sah mich an. âIch werde akzeptieren, dass du gehst, aber das was Mom gesagt, dass sie dich nie geliebt hat. Das stimmt nicht. Sie hat damals sehr viel geweint. Um dich. Und ich vermisse dich jetzt âŠâ, weiter kam sie nicht, plötzlich bohrte sich ein Dolch von hinten in sie hinein. Scarlett röchelte und spuckte Blut. Dann verdrehte sie die Augen und sank auf die Knie. âScarlett.â, schrie ich. âSummer, Mom⊠ich liebe euch.â, brachte sie mĂŒhsam hervor, dann erlosch das Licht in ihren Augen. âNein.â, schrie ich wieder. âWas ist âŠâ, plötzlich stand Chayenne im Zimmer, sie unterbrach sich als sie Scarlett sah. Dann fielen unsere Blicke auf den Mann, der hĂ€misch grinsend in der Ecke stand. âSo, das ist fĂŒr Sebastian.â Dann verschwand er. âWas ist mit Sebastian?â, fragte ich heiser. âSebastian wurde von Scarlett getötet, er war sein Sohn, aus anderer Ehe.â, flĂŒsterte Chayenne und kniete neben Scarlett nieder. Sie bettete deren Kopf auf ihren SchoĂ und fing leise an zu weinen. Dann drehte sie sich zu mir um. Plötzliche blitzte eine unbĂ€ndige Wut in ihren Augen auf. âDas ist alles deine Schuld. Ich will dich NIE wieder sehen!â, schrie sie mich an. Erschrocken wich ich zurĂŒck. âGeh! Verlass mein Haus. Sofort!â BestĂŒrzt drehte ich mich um. Ich rannte los, aus dem Haus raus. Geradewegs in die Arme meiner Tante, Amatis. Diese nahm mich wortlos in den Arm. Beruhigend strich sie mir ĂŒber den RĂŒcken. âIst doch alles gut.â, hauchte sie mir ins Ohr. Alles gut?! , Ja, so sieht es wirklich aus. Wenn man davon absieht, dass gerade meine Schwester umgebracht wurde, ich völlig am Boden zerstört war und meine Mom mich hasste. Das klingt wirklich so, als ob alles gut wĂ€re. Doch stattdessen sagte ich nur: âNichts ist gut.â Und stieĂ sie grob von mir weg. Amatis hielt mich am Arm fest. âSummer. Es ist nicht deine Schuld.â, flĂŒsterte sie und lĂ€chelte mich liebevoll an. âKomm. Ich bringe dich hier weg. FĂŒr deine Familie kannst du nichts mehr tun. Richard wird euch nie wieder etwas zu leide tun. Als er raus kam, habe ich ihn getötet.â, ein wenig stolz schwang in Amatis` Stimme mit. Ich nickte. In mir war wieder diese schreckliche Leere ausgebrochen. âDu wirst ein neues Leben beginnen. Bei mir.â, versprach Amatis mir und nahm meine Hand sanft, in die ihre. Dann flogen wir los. In ein neues Leben. Und ich hĂ€tte damals nicht gedacht, dass ich das wirklich schaffen wĂŒrde.
© Anne